Die Gemeinwohl-Ökonomie – ein Wirtschaftsmodell mit Zukunft

In der jüngsten Vergangenheit verstärkt sich der Eindruck, dass die Menschen mit unserem Wirtschaftssystem nicht mehr zufrieden sind. Beispiele hierfür sind die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich, die fortschreitende Zerstörung unseres Planeten (Artenschwund, Plastikmüll im Meer, Rodung der Tropen- bzw. Regenwälder für Rinderzucht oder Palmöl-Plantagen) oder aber die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Die aktuelle Marktwirtschaft basiert auf fortwährendem Wachstum, das auf Kosten der endlichen Ressourcen unserer Erde oder der im Wettbewerb unterliegenden Konkurrenz-Unternehmen generiert wird. Seit den 1990er Jahren wurden verschiedene Konzepte und alternative Modelle entwickelt, die eine Orientierung der Wirtschaft am Gemeinwohl, Kooperation und Gemeinwesen in den Vordergrund stellen.
Eines dieser Konzepte ist die in 2010 entstandene „Gemeinwohl-Ökonomie“ (GWÖ), ein Wirtschaftssystem, das auf gemeinwohl-fördernden Werten aufgebaut ist.
Sie ist ein Veränderungshebel auf wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene. Zentrales Ziel des Wirtschaftens ist dabei nicht der rein finanzielle Gewinn, sondern die Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse – das Gemeinwohl.

Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz
Die Gemeinwohlbilanz ist das „Herzstück“ der GWÖ. Sie stellt den Menschen und alle Lebewesen in den Mittelpunkt aller wirtschaftlichen und sozialen Tätigkeiten. Sie überträgt die heute schon gültigen Verfassungswerte auf die Gesellschaft, indem sie die Akteur*Innen dafür belohnt, dass sie sich wertschätzend, kooperativ, solidarisch, ökologisch und demokratisch verhalten und organisieren. An diesen Faktoren wird der Erfolg gemessen.

In der sogenannten Gemeinwohl-Matrix werden sie mit den Berührungsgruppen Lieferant*Innen, Eigentümer*Innen und Finanzpartner*Innen, Mitarbeitende, Kund*Innen und Mitunternehmen sowie dem Gesellschaftlichen Umfeld abgeglichen und eine Bewertung nach Gemeinwohl-Maßstäben vorgenommen. Die Gemeinwohl-Matrix ist ein Modell zur Organisationsentwicklung und Bewertung von unternehmerischen wie auch gemeinnützigen Tätigkeiten. Sie beschreibt 20 Themen inhaltlich, gibt Anleitungen zur Bewertung nach Gemeinwohlmaßstäben und ist die Basis für die Erstellung eines Gemeinwohl-Berichts, einer umfassenden Dokumentation der Gemeinwohl-Orientierung einer Organisation. Die externe Prüfung (das „externe Audit“) ist die letzte Etappe vor Veröffentlichung der Gemeinwohl-Bilanz. Sie umfasst unabhängige Evaluierungs-Aktivitäten sowie Feedback- und Entwicklungsgespräche. Die Gemeinwohl-Bilanz wurde so entwickelt, dass sie für Unternehmen jeder Branche, jeder Größe und jeder Rechtsform anwendbar ist – vom gemeinnützigen Verein über den mittelständischen Familienbetrieb bis zum börsen-notierten Konzern oder der öffentlichen Universität.
GWÖ-Unternehmen sind PionierInnen des gesellschaftlichen Wandels und setzen sich aktiv für ethisches Wirtschaften ein. Es existiert bereits ein Netzwerk von mehr als 2.000 Unternehmen (u.a. die Sparda Bank München oder Vaude Sport). Ihr Feedback fließt in die kontinuierliche Weiterentwicklung und Optimierung der Gemeinwohl-Matrix.
Im Landkreis Darmstadt-Dieburg hat sich nach aktuellem Kenntnisstand noch kein ansässiges Unternehmen einem GWÖ-Zertifizierungsverfahren vollzogen. Im „GRÜNEN Regierungsprogramm 2019 bis 2024“ zur Hessischen Landtagswahl haben Bündnis 90 / Die GRÜNEN die Förderung von Unternehmen zur Erstellung von Gemeinwohl-Bilanzen festgeschrieben, um die Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit unternehmerischen Handelns sichtbar zu machen. Auch die ÖDP hat das Thema Gemeinwohl in ihr Landesprogramm aufgenommen.

Gemeinwohl-Gemeinden
Die Gemeinde oder Kommune ist die bürgernäheste politische Ebene und damit ein wichtiger wirtschaftlicher Akteur, der teilweise auch die Spielregeln für andere Akteure gestaltet. Die Gemeinwohl-Bilanz der Gemeinden und Regionen misst nicht nur die „ethische Performance“ der eigenen wirtschaftlichen Aktivitäten, sondern auch, wie sinnvoll sie die Rahmenbedingungen dazu setzen und die Gesellschaft mit einbeziehen.
Eine Gemeinde darf sich dann als Gemeinwohl-Gemeinde bezeichnen, wenn sie die Gemeinwohl-Bilanz mit Peer-Evaluierung (Bewertung innerhalb einer Vergleichsgruppe) oder mit externem Audit (Prüfung) erstellt hat. Für jeden darüber hinaus gehenden Schritt erhält sie weitere Bonifikationen.
Die grundlegenden Schritte für eine Kommune sind:

  1. Mitglied werden und die Gemeinwohl-Ökonomie unterstützen
  2. Gemeinwohl-Bilanz erstellen und Peer-evaluieren
  3. Gemeinwohl-Bilanz erstellen und extern auditieren lassen

Jene Gemeinde, welche eine extern auditierte Gemeinwohl-Bilanz erstellt  hat, kann sich als „zertifizierte Gemeinwohl-Gemeinde“ bezeichnen. Eine zertifizierte Gemeinwohl-Gemeinde kann über jede der folgenden Aktionen weitere Bonifikationen erhalten:

  1. Unternehmen, Schulen und Familien/Einzelpersonen zur Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz animieren
  2. Veranstalten eines Wirtschaftskonventes mit Entwicklung eines „kommunalen Gemeinwohl-Index“
  3. Mitwirkung an einer Gemeinwohl-Region
  4. Eigene kommunale Unternehmen erstellen eine Gemeinwohl-Bilanz

Sämtliche dieser Maßnahmen werden in der Gemeinwohl-Bilanz beschrieben und gewürdigt.

Selbsttest für Privatpersonen
Für Privatpersonen wurde ein Gemeinwohl-Selbsttest entwickelt, bei dem die folgenden Fragen persönlich beantwortet werden: Wie solidarisch und nachhaltig leben wir derzeit? Wie wichtig sind uns Gerechtigkeit, Menschenwürde und demokratische Mitbestimmung? Was können wir selbst konkret zum „ganzheitlichen Wohlstand“ und dem „guten Leben für alle“ beitragen?
Der Selbsttest stellt Gemeinwohl-Verhalten einem rücksichtslosen Eigennutz-Streben gegenüber und ermöglicht, die eigene Lebenssituation hinsichtlich des Gemeinwohl-Verhaltens zu hinterfragen, indem er einen schnellen ersten Eindruck gibt, wie ich mit mir und meinem Umfeld umgehe. Im Zentrum stehen dabei die tatsächlichen Handlungen jedes einzelnen Menschen und ihre Wirkung auf die Gemeinschaft.
Ein zentraler Erfolgsfaktor der GWÖ ist die fortwährende Beteiligung der Menschen zur Verbesserung der Werkzeuge und Verfahren des Wirtschaftsmodells. Die Bewegung gibt Hoffnung und Mut und sucht die Vernetzung mit anderen Initiativen. Sie versteht sich als ergebnisoffener, partizipativer, lokal wachsender Prozess mit globaler Ausstrahlung – symbolisch dargestellt durch die Löwenzahn-Sämchen im Logo.
Bisher haben sich knapp 10.000 Menschen der GWÖ-Bewegung angeschlossen. In der näheren Umgebung existiert die Regionalgruppe Rhein-Main, die sich vorrangig in Frankfurt trifft. Im Raum Aschaffenburg bildet sich aktuell ein weiteres, so genanntes „Energiefeld“. Für den Landkreis Darmstadt-Dieburg haben sich bereits einige Interessent*Innen gefunden, die mit einem Stammtisch den GWÖ-Prozess auch hier begründen und starten möchten. Ende 2018 wird er sich das erste Mal zusammenfinden. Menschen, die sich an dem Wirtschaftsmodell der Zukunft beteiligen oder einfach nur informieren möchten, sind hierzu herzlich eingeladen. Weitergehende Infos zur GWÖ sind unter: http://rheinmain.gwoe.net/ und https://www.ecogood.org/de/ zu finden.

Autor:
Sebastian Stöveken
Mitglied der GWÖ-Regionalgruppe Rhein-Main
Landtagskandidat von Bündnis 90 / Die GRÜNEN im Wahlkreis 52 Darmstadt-Dieburg II

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